Abschiedsschmerz

Ira Peter, Stadtschreiberin Odessa 2021, auf einer "Solidarität mit der Ukraine"-Demo in Mannheim am 24. Februar 2022

Am 31. Oktober 2021 verließ ich die Ukraine. Ich stand an der Passkontrolle am Flughafen in Odesa. Die Grenzbeamtin drückte das Datum in meinen deutschen Reisepass und fragte mich plötzlich, ob meine Eltern aus der Ukraine kommen. „Nein, aber meine Großeltern“, sagte ich und fühlte einen irrationalen Anflug von Stolz. Sie lächelte warm und machte mir den Abschied schwerer als er nach fünf Monaten in der Ukraine ohnehin schon war.

Im Flugzeug Richtung Frankfurt flossen sie dann: die Tränen, die ich am Schalter erfolgreich zurückgedrängt hatte. Doch damit hatte ich bereits gerechnet und Taschentücher in meine Handtasche gepackt. Seit meinem ersten Rückflug aus der Ukraine im Herbst 2018 weinte ich nämlich jedes Mal, wenn ich das Land verließ. Dafür gibt es keine logische Erklärung. Weder leben meine Eltern noch meine große Liebe in der Ukraine. Auch kehre ich aus genau diesen Gründen immer gern nach Deutschland zurück. Und doch schüttelt es mich jedes Mal, sobald das Flugzeug den ukrainischen Boden verlässt.

Vielleicht, weil meine Großeltern dieses Land 1936 nicht freiwillig verlassen hatten und sich bis zu ihrem Tod in Kasachstan nach ihrer Heimat Ukraine gesehnt haben. Vielleicht, weil ich selbst mittlerweile so stark mit dem Land verbunden bin, dass jede Trennung schmerzt.

Nie hätte ich in diesem Moment gedacht, dass ich nicht jederzeit wiederkommen kann, um meine Freunde zu umarmen, um mit ihnen am Meer zu spazieren oder in Odesas Stadtgarten zu tanzen.

Heute ist der 24. Februar 2022 und ich fühle wieder diesen Abschiedsschmerz. Als würde man auch mir gerade die Heimat nehmen, mich rauszwängen aus einem Land, das ich liebe – wegen der vielen Menschen dort, die mir nah sind wie Schwestern und Brüder.

Seit heute Morgen verspüre ich immer wieder den Impuls, losfahren zu müssen, um bei ihnen zu sein. Und gleichzeitig schreibe ich jedem von ihnen, sie sollen das Land verlassen und zu mir kommen. Ich habe nicht viel Platz, aber Lösungen lassen sich hier besser finden als aktuell dort, wo Explosionen den Schlaf rauben und die Hoffnung. Eine Freundin hat sich nun ins Auto gesetzt und fährt in diesem Moment Richtung Polen. Ich glaube nicht an Gott, doch in diesem Moment bete ich, dass sie und ihr Mann ankommen werden an der Grenze. Ich bete, dass sie ihn als wehrfähigen Mann nicht abweisen und zurück nach Kyiv schicken werden. Ich bete, dass sie in Deutschland ankommen werden. Und solange ihre Heimat gestohlen ist, können wir ihnen vielleicht eine geben.

Du möchtest Menschen in der Ukraine unterstützen? Das Zentrum Liberale Moderne hat auf seiner Seite die Möglichkeiten zusammengefasst und aktualisiert die Seite fortlaufend.

13 Gedanken zu „Abschiedsschmerz“

  1. Einmal dort gewesen, immer wieder dort!
    Mit allen Gedanken bei unseren Freunden und Bekannten. Ihr Wunsch ist den Krieg zu überleben.

    Wir, wir kommen zurück in unsere Geliebte Südukraine!

    Morgen gibt es eine Hilfsaktion in Stuttgart von STELP – (eine unabhängige Hilfsorganisation) sie beladen 2 LKW und fahren. Wer helfen kann ist herzlich willkommen!

    1. Wer nicht da war wird unsere Leidenschaft und Liebe für Land und Leute nicht verstehen.
      Slava Ukraini. 💙💛🇺🇦🇪🇺😪❤🙏

    2. Danke für Ihre Nachricht und danke an alle Menschen, die die Ukraine unterstützen! Bitte hören Sie nicht auf damit. Solange nicht, bis die Ukraine wieder frei ist.

  2. Diese Welt ist seit dem 24.2.22 eine andere Welt geworden. Die Ukraine wird zum Opfer, auch vieler versäumter Entscheidungen und Taten des Westens. Dieser wird auch dafür zahlen müssen – moralisch, politisch und wirtschaftlich.
    Ich bin in Gedanken beim tapferen Volk der Ukraine. Und hoffe, dass sich in Russland die Verhältnisse – wie durch ein Wunder – bald ändern.
    Wird man je wieder „frei“ nach Kiew, Lemberg, Odessa fahren können? Es wäre so wichtig.

    1. Ich hoffe, wir lernen aus diesem Krieg, der so viel Leid und Schmerz bringt – in der Ukraine, in Russland und auch hier bei uns. Ich wünsche der Ukraine Kraft und einen baldigen Frieden.

  3. Ach liebe Ira, trotz vieler Jahre Abstand zu Ihnen war ich in Ihrem Abschiedsschmerz Ihnen sehr nahe, weil es mir auch immer so geht! Ich bin 1992 das erste Mal mit meinem Auto in der Ukraine (Lviv) gewesen und seither oft. Dieses Jahr wollte ich nach Odessa im Juli – und bin traurig, daß daraus wohl nichts wird, aber das wäre die geringste Sorge in dieser Zeit….Sie waren eine gute Botschafterin in der Ukraine, davon zeugen Ihre Briefe.
    Alles Gute für Sie, wo immer Sie Ihr Glück finden mögen!
    Ihr Erwin Klar

    1. Lieber Erwin Klar, danke für diese berührenden Worte. Mein Herz ist derzeit in der Ukraine und es schmerzt sehr. Ich will Botschafterin bleiben und heute lauter denn je in die Welt schreien: Die Ukraine ist ein souveräner Staat und muss es weiterhin bleiben! Слава Україні!

  4. Liebe Frau Ira,
    ich kann ihre Gefühle verstehen. Bei dieser brutalen russischen Aggression wird’s einem schwer um’s Herz. Als ich letztmals Ende November in Odessa war und mit dem PKW via Chisinau-Cernowitz-Uzhgorod nach Hause fuhr, gingen mir ähnliche Gedanke durch den Kopf: „Hoffentlich geht alles gut, bleiben ‚meine Leute‘ gesund und optimistisch, geht es ihnen auch sonst gut und leben sie in Freiheit.“ Ein Ziel meiner Reise war u. a., gemeinsam mit meinen Freund*innen in Odessa die Städtepartnerschaft Odessa-Regensburg seitens der Zivilgesellschaft zu beleben. Ein „Partnerschaftsverein Odessa-Regensburg“ soll nunmehr im Frühjahr 2022 gegründet werden, konkrete Aktivitäten wurden besprochen, die man gemeinsam mit der deutschen Partnerin in Mannheim realisieren will. Ein weiterer Schritt auf dem Weg in ein gemeinsames Europa. Putin kann zwar Raketen auf Odessa und seine Menschen schießen, die Realisierung der Ziele unserer Odessitischen Freunde wird er damit jedoch auf Dauer nicht verhindern. Im Gegenteil: Unsere Freundschaft wird noch enger werden und unsere Solidarität wird nicht nur bei Worten bleiben.
    Ihr
    Dr.h.c. Ulrich Wissmann
    Vorsitzender „Partnerschaft Deutschland-Ukraine/Moldova e.V.“ (PDUM)

    1. Lieber Dr. Wissmann, danke von Herzen für Ihr Engagement. Der Krieg wird vorübergehen. Freundschaften werden bleiben und nötiger denn je sein. Lassen Sie uns gemeinsam den Kontakt zu den Menschen in Odesa halten und festigen. Sie brauchen unsere Unterstützung jetzt und auch in Zukunft. Wir dürfen sie nicht allein lassen.

  5. Ich bin bestürzt über das Schicksal der Menschen in der Ukraine. Ich habe keine Verbindung dorthin, möchte aber mitteilen, dass ich mit den Menschen fühle.

    Wer denkt, das ist weit weg und/oder geht uns nichts an: Unsere Haltung wird großen Einfluss auch auf unser eigenes Schicksal haben.
    In Hongkong haben wir versagt.
    In der Ukraine mögen wir (der Westen) aktuell machtlos erscheinen. Aber wir sind es hoffe ich nicht.

    Womöglich steht bald Taiwan zur Disposition.

    Wir müssen Haltung zeigen.
    Wir müssen entschlossen sein.
    Wir müssen auch bereit sein, Opfer zu bringen.
    Wir müssen womöglich Flüchtlinge im großen Stil aufnehmen. Ich möchte das!

    Nennt es Solidarität oder Nächstenliebe, mir egal.

    Auf geht’s!

    1. Vielen Dank für deine Gedanken dazu, ich stimme jedem Wort zu. Lasst uns gemeinsam die Demokratie vertreidigen und Menschen konkret helfen!

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