Die Stille bei Neu-Karlsruhe

Zehn Jahre ging ihr diese Geschichte nicht aus dem Kopf. Schließlich musste Katharina Martin-Virolainen das Erlebte von „Oma Julia“ in einem Buch festhalten. Die Geschichte, auf der ihr 2021 veröffentlichter Roman „Die Stille bei Neu-Landau“ basiert, beginnt in Neu-Karlsruhe, einer ehemaligen deutschen Kolonie nordöstlich von Odesa. Ich begleite die Autorin zu diesem Ort in der Ukraine. Dort sprechen wir über den Lebensweg der Menschen, für die Neu-Karlsruhe bis 1944 Heimat war, über unterschätzen Rechercheaufwand und notwendige Schreibpausen. Auch beschreibt die russlanddeutsche Autorin, wie es sich anfühlt, zum ersten Mal dort zu stehen, wo sie gedanklich zwei Jahre verbracht hatte. 

Katharina Martin-Virolainen und Ira Peter vor der Kirchenruine in Neu-Karlsruhe (Schwarzmeerraum). Die einst deutsche Kolonie heißt heute Shliakhove.

Um was geht es in deinem Roman?

Katharina Martin-Virolainen: Es geht um ein schwarzmeerdeutsches Mädchen, das mit seiner Mutter und vier Schwestern 1944 von der Wehrmacht aus seiner Heimat in der Südukraine nach Deutschland zwangsumgesiedelt wird. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird die Familie von der sowjetischen Armee „repatriiert“. Jedoch dürfen die Repartierten nicht in ihre Heimat am Schwarzen Meer zurückkehren, sondern werden in eine Sondersiedlung nach Kasachstan verschleppt, wo sie unter schwierigsten Bedingungen überleben und Zwangsarbeit leisten müssen. Erst Jahrzehnte später dürfen die Frauen als Spätaussiedlerinnen nach Deutschland zurückkehren.

Wann hast du beschlossen, diese Geschichte in einen Roman zu packen?

Katharina Martin-Virolainen: Die Geschichte habe ich zehn Jahre mit mir herumgetragen. Nachdem die Betroffenen, deren Schicksal mir als Grundlage für meinen Romane gedient hatte, gestorben waren, habe ich wieder angefangen, darüber nachzudenken, was gewesen wäre,wenn alles andersgelaufen wäre? Zunächst habe ich eine Kurzgeschichte daraus gemacht. Als die Geschichte veröffentlicht war, rief eine Freundin mich an und sagte: „Du musst mehr daraus machen, das ist Stoff für einen Roman.“

Die Hauptstraße in Neu-Karlsruhe (hier spielt der Anfang des Romans von Katharina Martin-Virolainen „Die Stille bei Neu-Landau“) im Juli 2021.

Wie lange hast du an dem Roman geschrieben?

Katharina Martin-Virolainen: Insgesamt habe ich zwei Jahre daran geschrieben. Dieses Gespräch mit meiner Freundin war im Januar 2019. Da war gerade mein erstes Buch in Produktion. Ich wollte eigentlich nicht sofort weiterschreiben. Corona hat sehr viel dazu beigetragen, dass es dann verhältnismäßig schnell ging. Wenn ich mein normales Leben in der Zeit geführt hätte, mit den ganzen Reisen und Projekten – wahrscheinlich hätte es länger gedauert, weil ich muss ehrlich zugeben: Ich habe den Aufwand anfangs sehr unterschätzt.

Was an deinem Buch hat dich am meisten Zeit gekostet?

Katharina Martin-Virolainen: Einen Roman zu schreiben ist etwas anderes als eine Kurzgeschichte. Bei einer Kurzgeschichte kannst du immer so ein bisschen zurückspringen und schnell Dinge ändern. Bei einem Roman arbeitest du manchmal an einem Kapitel monatelang und wenn es fertig ist, weißt du manchmal gar nicht mehr, was du sagen wolltest und ob alles logisch ist. Damit meine ich Details wie historische Daten, oder wer hat wann was gesagt? Das musst du immer wieder abgleichen. Am meisten Zeit gekostet hat mich aber etwas anderes: Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich schnell gemerkt, dass mir Wissen fehlt. Ich hatte ja nur ein paar Notizen zu dem Gespräch, in dem Oma Julia mir die Geschichte erzählt hatte. Mir war es wichtig, historisch richtig zu bleiben und dass nicht allein Russlanddeutsche das Buch verstehen. Da musste ich gründlich recherchieren.

Die Kirche, die deutsche Siedler einst gebaut hatten, heute von innen.

Welches Thema musstest du besonders lange recherchieren?

Katharina Martin-Virolainen: Besonders aufwendig war die Umsiedlung aus der Ukraine über den Warthegau nach Deutschland 1944. Da gab es teils widersprüchliche Zeitzeugenberichte und Informationen im Internet. Ich hatte anfangs wirklich Schwierigkeiten, belastbares Material zu finden. Ich habe versucht, möglichst viele Details herausfinden: Wie lange waren die Deutschen aus dem Schwarzmeerraum unterwegs? Wie waren diese Verhältnisse in den Übergangslagern? Eine sehr große Hilfe war dabei der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland, eine echte Goldgrube. Auch bei der Landsmannschaft bin ich fündig geworden. Sie hat teilweise Bücher, die gar nicht mehr zu kaufen sind. Auch das Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold hat mir mit seiner Ausstellung zu den Schwarzmeerdeutschen sehr geholfen. Ich habe auch zum Beispiel Linienfronten studiert, wie hat sich die Wehrmacht bewegt? Wohin kamen die Deutschen aus der Südukraine genau? Im Internet habe ich zum Beispiel einen Herrn gefunden, der dort lebt, wo meine Heldin und ihre Familie bei Kriegsende waren. Er beschäftigt sich mit der Geschichte der Region und beschreibt in seinem Blog detailliert die letzten Kriegstage.

Welche Bilder haben sich bei deiner Recherche besonders eingeprägt?

Katharina Martin-Virolainen: Die Leute waren 1944 wochenlang unterwegs, teilweise unter Bombenhagel und auf völlig kaputten Straßen. Oft sind die Planwagen umgekippt, Pferde und Menschen standen bis zur Hüfte im Schlamm, es war nass, kalt. Die Schwarzmeerdeutschen mussten oft einfach am Wegrand ein Lager aufschlagen. Sie konnten sich nicht waschen, waren verdreckt, verlaust, sie hatten Durchfall, überhaupt alle möglichen Krankheiten. Die Kinder sind massenhaft gestorben. Das wird selten erwähnt. Das war eine Folter für die Menschen. Heim ins Reich war eine Katastrophe und es gibt bis heute keine Daten, wie viele tatsächlich dabei ums Leben gekommen sind. Aber sie hatten auch keine Wahl, sie konnten nicht in ihren Dörfern bleiben. Sie galten ja als Volksdeutsche. Die deutschen Besatzer hatten ihnen Angst gemacht und ihnen gesagt, die Sowjetarmee rückt an. Man hat ihnen versprochen, sie werden nach Hause gebracht zu anderen Deutschen.

Haus einer deutschen Kolonistenfamilie in Neu-Karlsruhe (Ukraine).

Wie entscheidest du, was von dem recherchierten Stoff in den Roman kommt?

Katharina Martin-Virolainen: Tatsächlich habe ich sehr vieles nicht in den Roman eingearbeitet, weil ich so viel Material hatte und irgendwann mal das Gefühl bekam, ein Geschichtsbuch zu schreiben. Das wollte ich aber nicht und das war die große Herausforderung. Es sollte unterhaltsam, aber trotzdem informativ sein. Und wie viel kann ich meinen Lesern zumuten? Deshalb nahm ich das rein, was die Geschichte unbedingt erfordert, um verstanden zu werden. Aber nicht mehr. So versuche ich das Interesse zu wecken für bestimmte Themen und wer mehr wissen möchte, der wird selbst recherchieren.

Wie war die Umsiedlung im Fall der schwarzmeerdeutschen Familie, um die es in deinem Roman geht?

Katharina Martin-Virolainen: Sie hatten 24 Stunden Zeit und konnten nur das mitnehmen, was sie auf einem Planwagen transportieren konnten. Oma Julia, die damals zehn Jahre alt war, hat erzählt, dass ihre Mutter und die Oma die ganze Nacht Hühner gerupft und alles Mögliche eingekocht hatten. Eine Kuh haben sie auch mitgenommen. Ihre Mutter, sie und fünf Schwestern wurden damals umgesiedelt. Die jüngste Schwester war damals erst drei. Sie wurde 1941 geboren, als der Vater bereits von NKWDlern erschossen worden war. Die älteste Schwester war damals hochschwanger. Den deutschen Großvater hatte man abgeholt, bis heute bleibt er verschollen. Die Oma war Ukrainerin und blieb in dem Dorf. Es muss für sie hart gewesen sein, die einzige Tochter mit den sechs Enkelinnen ziehen zu lassen. Sie haben sich nie wieder gesehen. Dann sind sie zusammen mit dem ganzen Dorf zu Fuß Richtung Westen ins besetzte Polen. Von dort aus sind sie mit den Zügen weiter nach Deutschland.

Die Autorin Katharina Martin-Virolainen vor einem Denkmal für ermorderte Jüdinnen und Juden im Nachbardorf Plyushchivka (alter Name: Efingar).

Welche Stelle im Roman zu schreiben hatte dich emotional am meisten belastet?

Katharina Martin-Virolainen: Als eine Frau im Zug nach Deutschland ein Baby bekommt. Dazu kannte ich keine Details, ich wusste nur, dass sie es im Zug bekommen hatte, der von Bomben erwischt worden war. Ich habe beim Schreiben versucht, mir das vorzustellen. Ich habe ja selbst zwei Kinder zur Welt gebracht und war schon mit der Situation im Krankenhaus überfordert. Da habe ich mir vorgestellt, wie muss das in einem überfüllten Zug gewesen sein unter Bombenhagel? Ich musste bei dieser Stelle immer wieder das Schreiben unterbrechen, weil ich gespürt habe, das bringt mich um. Als ich zum Beispiel diesen Moment beschrieben habe, als diese Waggons in Flammen standen und die Menschen schreien und verbrennen, weil die Türen verriegelt sind. Und du hast gerade ein Kind zur Welt gebracht und musst es und dich irgendwie aus dem Zug befreien. Das war schon sehr intensiv. Die Margarethe, meine Hauptprotagonistin im Roman, erlebt so eine Situation in einer totalen Ohnmacht, sie und ihre Familie schaffen es raus aus dem Waggon.

Wie bist du mit deinen Gefühlen dabei umgegangen?

Katharina Martin-Virolainen: Bei vielem von dem, was ich beschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass ich das selbst erlebe. Du verschmilzt mit den Personen. Ich bin manchmal nachts aufgewacht und wusste nicht, wer ich bin und wo ich bin, weil es mich so einnahm. In besonders belastenden Momenten machte ich mir klar: Ich sitze vor dem Laptop, ich bin nur eine Beobachterin, ich kann ihr nicht helfen. Und genau das ist auch belastend, denn so müssen sich auch meine Protagonistinnen ihr ganzes Leben gefühlt haben. Sie konnten nichts ändern. Sie wurden niedergetrampelt, sie wurden vergewaltigt, ihre Liebsten starben in ihren Armen und sie konnten nichts tun. Deswegen flüchtet die Heldin gedanklich nachts immer in ihre Heimat nach Neu-Landau.

Neu-Karlsruhe aus der Luft im Juli 2021.

Wie ging es für die Familie von Oma Julia nach Kriegsende weiter?

Katharina Martin-Virolainen: Im Sommer 1945 lebten sie in Brandenburg bei einem Pfarrer. Sowjetische Soldaten kamen und trieben sie zum Bahnhof. Es hieß: Es geht zurück. Anstatt in der südlichen Ukraine kamen sie im Spätherbst am Polarkreis in Archangelsk an. Dort mussten sie bei klirrender Kälte Zwangsarbeit im Wald leisten, auch Oma Julia. Es war eine Sondersiedlung für deportierte und repatriierte Russlanddeutsche. Man muss bedenken, sie waren ja aus Deutschland gebracht worden, also Verräter hoch drei. Das heißt, mit ihnen wurde nicht zimperlich umgegangen. Immer wenn Oma Julia mir von dieser Zeit erzählt hat, lag dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht, als würde sie direkt in die Hölle blicken. Erst nach Stalins Tod und Ende der Sonderaufsicht für Deutsche konnte sie mit ihrer Familie 1956 nach Usbekistan ziehen, in die Ukraine durften sie nicht zurück.

Immer wenn Oma Julia mir von dieser Zeit erzählt hat, lag dieser Ausruck auf ihrem Gesicht, als würde sie direkt in die Hölle blicken.

Katharina Martin-Virolainen

Wie ist es heute für dich, an dem Ort zu stehen, nach dem sich deine Romanheldinnen und ihre echten Vorbilder ihr Leben lang gesehnt hatten?

Katharina Martin-Virolainen: Das fand ich schon sehr gruselig, als wir vorhin hergefahren sind. Es gab ja keine Bilder von Neu-Landau, beziehungsweise Neu-Karlsruhe. Als ich den Roman geschrieben habe, musste ich mir vorstellen, wie das dort ungefähr ausgesehen hat. Ich habe dann Beschreibungen aus Zeitzeugenberichten und meine eigenen Kindheitserinnerungen einfließen lassen. Wie es sich zum Beispiel für mich angefühlt hatte als Kind in Karelien barfuß über eine Wiese zu laufen. Und es hört sich jetzt verrückt an, aber ich hatte das Gefühl, ich war schon mal hier. Ich habe Dinge wiedererkannt, die ich nie gesehen hatte, aber die ich genauso im Buch beschrieben habe. Als Oma Julia das Buch gelesen hatte, hat sie mich angerufen und gesagt: Katja, woher weißt du, dass es genauso in meiner Kindheit war?

Ortseingang von Shliakhove (Neu-Karlsruhe), wo heute die meisten Häuser leer stehen.

Was hat dich in Neu-Karlsruhe besonders berührt?

Katharina Martin-Virolainen: Der Moment, wo dann auch wirklich Tränen geflossen sind, das war tatsächlich diese Stille zu spüren. Das Buch heißt ja „Die Stille bei Neu-Landau“. Diese Stille am Ufer des Flusses war das erste Bild, das mir kam, als ich anfing den Roman zu schreiben. Ohne dass mir das jemand erzählt hätte: Hier ist es genauso still und friedlich, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Katharina Martin-Virolainen wurde 1986 in Petrosawodsk geboren und verbrachte ihre Kindheit in Karelien. Im Jahr 1997 kam sie als Spätaussiedlerin mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder nach Deutschland. Seit 1998 lebt sie in Baden-Württemberg.Die Autorin hat deutsche, russische und finnische Wurzeln. Die Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte und der Schicksale von anderen russlanddeutschen Spätaussiedlern stellen einen zentralen Schwerpunkt ihrer literarischen und kulturellen Arbeit dar. Seit vielen Jahren ist Katharina Martin-Virolainen als freie Journalistin und Projektleiterin in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit, Tanz und Theater, sowie Kultur, Geschichte und Literatur der Deutschen aus Russland tätig. Für ihr Debütwerk „Im letzten Atemzug“, das 2019 ebenfalls im ostbooks Verlag erschienen war, wurde Katharina Martin-Virolainen mit dem Förderpreis des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg 2020 in der Kategorie Literatur ausgezeichnet.

„Die Stille bei Neu-Landau“, Roman, erschienen im ostbook-Verlag

Eine Leseprobe gibt es hier.

ISBN 978-3947270132, Softcover, 212 S., Preis: 12,- EUR

Der Roman „Die Stille bei Neu-Landau“ hat mich zutiefst berührt. Auch an dem Ort zu sein, an den sich die Heldin des Romans gedanklich flüchtet, war ein bewegender Moment.

3 Gedanken zu „Die Stille bei Neu-Karlsruhe“

  1. Liebe Ira,
    schön, daß nun doch noch am Schluss so viele interessante, teilweise sehr traurige , aber schön geschriebene Berichte von ihnen kommen.
    Dieser Bericht geht etwas unter die Haut, aber diese Schicksale, wie sie die Autorin Katharina Martin-Virolainen beschreibt, gab es leider sehr sehr viele…!
    Ich denke , dieses Thema berührt sie besonders, da sie ebenfalls russlanddeutsche Vorfahren haben.
    Auch der Beitrag, vom 27.10. über Odesa ist sehr pfiffig geschrieben, und vor allem mit wundervollen Fotos, man möchte sofort den Koffer packen und dort hinfahren.
    Danke für die schönen Berichte.
    liebe grüße
    Sabine

  2. Wunderbarer Artikel. Man spürt das Leid, aber es war alles so monströs, dass man das garnicht richtig an sich heranlassen will. Gleichzeitig spürt man den Frieden und die Stille, die jetzt in dem Landstrich herrschen. Aus der Zeit gefallen, man fühlt sich fast unsterblich, wenn man sich dort hinein imaginiert.

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