Deutsch in Odesa: Einblick in eine außergewöhnliche Schule

Deutschen Spuren in Odessa gingen junge Menschen im Rahmen einer Medienwerkstatt im Oktober nach und hielten ihre Ergebnisse in Videos fest. Bei der dreitägigen Medienwerkstatt lernten Schüler:innen der Schule Nr. 90 und Germanistik-Studentinnen der Staatlichen Polytechnischen Universität in Odessa von Dokumentarfilmer Piotr Armianovski, wie sie Interviews führen, die passende Perspektive für Aufnahmen wählen und ein Video schneiden.

„Willkommen“ steht über einer Tür im Foyer, rechts davon informiert eine Tafel über das Deutsche Sprachdiplom. Neben dem Bayerischen Haus ist diese Einrichtung die zweite deutsche Insel im ukrainischen Odesa: eine Schule mit über 900 Schülerinnen und Schülern, die von der ersten Klasse bis zur ukrainischen Hochschulreife Deutsch als erste Fremdsprache lernen. Seit über 60 Jahren ist die „Schule Nr. 90“ die einzige in der Region Odesa mit diesem Schwerpunkt. Nur hier können junge Menschen das Deutsche Sprachdiplom erwerben, um nach Abschluss direkt an einer deutschsprachigen Hochschule zugelassen zu werden.

Freiwillige des kulturweit-Programms unterstützen die Lehrkräfte an der Schule Nr. 90 bei der Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf das Deutsche Sprachdiplom.

Damit Schülerinnen und Schüler diese C1-Sprachprüfungen mit Erfolg ablegen können, braucht es engagierte Lehrer und Lehrerinnen wie Karina Beigelzimer. Sie unterrichtet an der Schule Nr. 90 die Mittel- und Oberstufe und bereitet Abschlussklassen auf die Prüfungen vor. Dabei hat Beigelzimer die deutsche Sprache bis zu ihrem Germanistik-Studium gehasst. „Deutsch klang für mich immer so schrecklich“, sagt sie in akzentfreiem Deutsch, als ich sie an einem sonnigen Herbsttag vor der Schule treffe. „Trotzdem ging von der Sprache auch schon immer eine Faszination aus. Ich hatte zu Hause nämlich sehr viele deutsche Bücher. Vor allem welche, die mein Urgroßvater geschrieben hatte“, erzählt sie mir, als wir kurz darauf durch die leeren Schulgänge schlendern. Es sind gerade Ferien.

Karina Beigelzimer vor der Bücherwand in ihrem Büro. Sie, ihr Bruder und ihre Mutter waren selbst einmal Schüler:innen an der Schule Nr. 90 in Odesa (Ukraine).

Ihr Urgroßvater Koppel Ljubarskij (Коппель Любарский) war Professor für Germanistik, Jiddisch und Hebräisch und leitete bis zu seinem Tod 1972 die Abteilung für Fremdsprachen des Staatlichen Pädagogischen Instituts in Odesa. „Er starb vor meiner Geburt, aber meine Mutter erzählt immer, dass er ein sehr interessanter Mensch war. Er war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er bald freikam, um anschließend in Brüssel zu studieren“, sagt Karina Beigelzimer. „Mich hat es immer fasziniert, warum er sich, vor allem als Jude, auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Sprache beschäftigt hatte.“

Ukrainsiche Flagge am Eingang der Schule Nr. 90 in Odesa. „Wir haben in der Schule viele engagierte Lehrer und Lehrerinnen, die mit modernen Lehrmethoden und interessanten Unterrichtsmaterialien für eine gute Lernatmosphäre sorgen“, sagt Deutschlehrerin Karina Beigelzimer, die 2018 zu Odesas besten Lehrkräften ausgezeichnet wurde.

Vielleicht ist diese Leidenschaft für Germanistik vererbt worden. Jedenfalls fand sie selbst bald nach Studiumbeginn große Freude an Deutsch. Dabei wollte sie eigentlich Wirtschaft und internationalen Tourismus studieren. „Aber mein Bruder riet mir davon ab, weil Mathe nicht zu meinen Lieblingsfächern zählte. Also versuchte ich es mit Germanistik“, sagt sie. Wir sind mittlerweile in ihrem Büro angekommen. Ein Schrank voller Kinder- und Jugendliteratur auf Deutsch sowie Wörterbüchern nimmt eine ganze Wand ein. Auszeichnungen zieren eine andere. Karina Beigelzimer gehört nämlich zu den besten Lehrer:innen Odesas – eine offizielle Auszeichnung der Stadt, die sie seit 2018 auf Lebenszeit trägt und nur eine von vielen. 2006 und 2012 kürte sie das Goethe-Institut nämlich zu den besten Deutschlehr:innen der Ukraine.

Svetlana Nagornaja (l.), leitet an der Schule Nr. 90 das engagierte Team aus Deutschlehrenden, zu dem auch Karina Beigelzimer (r.) gehört.

Ihr beruflicher Weg führte sie jedoch zunächst in den Journalismus. „Ich leitete die Nachrichtenredaktion einer Medienholding hier in Odesa. Aber wir mussten ein oder zwei Jahre nach der Uni an der Schule arbeiten, weil wir staatliche Stipendien fürs Studium bekommen hatten. Ich arbeitete weiterhin in der Redaktion und ging zusätzlich täglich an die Schule Nr. 90, um dort meine Pflicht abzuleisten.“ Doch zu ihrer Überraschung machte ihr die Arbeit mit den Kindern sehr viel Spaß und sie entschied sich, um ein weiteres Jahr zu verlängern. Aus einem Jahr wurden schnell 23 Jahre. Dafür gab sie vor einiger Zeit sogar die Arbeit als Journalistin, die sie immer wieder auch nach Deutschland brachte, ganz auf.

Durch eine Städtepartnerschaft zwischen Odesa und Regensburg haben Deutschschülerinnen und -schüler der höheren Klassen regelmäßig die Möglichkeit, eine Sprachreise in die bayerische Stadt zu unternehmen.

„Nicht nur ich gebe den Kindern viel, auch sie geben mir viel, das ist so ein wertvoller Austausch und für mich wie ein Jungbrunnen“, sagt sie, auch wenn der Beruf anstrengend sei, in der Ukraine schlecht bezahlt werde und viel Geduld und Kreativität erfordere. Denn das Niveau an der Schule Nr. 90 sei sehr hoch: „Unsere Schüler müssen schwere Prüfungen ablegen und zum Beispiel über Organspende, Cryptowährung oder Gentechnik Erörterungen schreiben. Sie müssen sich also mit vielen Themen sehr tief auseinandersetzen.“

Mitte der 1970er Jahre begann die Schule regelmäßige Partnerschaften mit Schulen in der DDR. Im Turnus von zwei Jahren kommt es zu Schüleraustäuschen mit der Böblinger Waldorfschule, die bereits seit 2013 Partnerschule ist. Außerdem ist die Schule Nr. 90 Mitglied im „Projekt Donau“, das u.a. vom Land Baden-Württemberg getragen wird.

Um ihre Schülerinnen und Schüler zu motivieren und zu begeistern, lässt sich die Lehrerin deshalb immer wieder etwas Neues einfallen: „Ich suche nach aktuellen Artikeln zu bestimmten Themen für die Kinder, nach Podcasts, oder wir nehmen an verschiedenen Wettbewerben oder Projekten teil, wie der Medienwerkstatt auf Deutsch jetzt im Oktober“, beschreibt sie ihre Arbeit. Wichtig für die Eigenmotivation sei für die jungen Menschen auch der direkte Kontakt mit deutschen Muttersprachlern. Vor der Pandemie nahm ihre Schule deshalb regelmäßig an Sprachreisen und Austauschprogrammen mit Partnerschulen in Österreich und Deutschland teil. „Auch während Corona hatten wir Projekte. Wir haben zum Beispiel drei Monate am internationalen Projekt ‚Licht und Klang‘ teilgenommen und am Projekt ‚Donau online‘.“

Schüler:innen der Schule Nr. 90 bei einer dreitätgigen Medienwerksttat im Oktober 2021 zum Thema „Deutsche Spuren in Odesa“.

Auch wenn die Pandemie gerade das Interesse an deutscher Sprache in der Ukraine etwas bremst, weil die Perspektiven für Auslandreisen oder Studienaufenthalte in Europa vage sind, nimmt Beigelzimer ein steigendes Interesse an Deutsch wahr: „In den vergangenen zehn Jahren wollen unsere Schule mehr Leute besuchen, als es Plätze gibt, denn jede weitere Sprache neben dem Englischen eröffnet für die Kinder neue Chancen, sei es für Stipendien, ein Studium im Ausland oder die Karriere bei einem internationalen Unternehmen mit Sitz in der Ukraine.“ Sie schließt ihr Büro und wir verlassen mit etwas Wehmut die Schule Nr. 90. Ob Karina Beigelzimer ihre Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr hier wiedersieht, ist nämlich ungewiss. Nach den Ferien wird es wegen steigernder Corona-Zahlen zunächst nur Online-Unterricht geben.

Deutschen Spuren in Odessa gingen junge Menschen im Rahmen einer Medienwerkstatt im Oktober nach und hielten ihre Ergebnisse in Videos fest. Bei der dreitägigen Medienwerkstatt lernten Schüler:innen der Schule Nr. 90 und Germanistik-Studentinnen der Staatlichen Polytechnischen Universität in Odesa von Dokumentarfilmer Piotr Armianovski, wie sie Interviews führen, die passende Perspektive für Aufnahmen wählen und ein Video schneiden.

Dieses Video, das bei der Medienwerkstatt entstanden ist, hat sogar den 3. Platz bei dem Kreativwettbewerb „Deutschland, Ukraine und ich“ der Deutschen Botschaft in der Ukraine gewonnen. Herzlichen Glückwunsch an Anastasia Pukhtina und Alexander Kovalsky von der Schule Nr. 90 zu dieser Leistung!

Organisiert hatte die Medienwerkstatt Ira Peter, Stadtschreiberin in Odesa 2021. Sie zeigte den Teilnehmenden am ersten Tag der Werkstatt auch Orte der Stadt, die mit Deutschen im Odessa des 19. Jahrhunderts in Verbindung stehen, und führte sie in deren Geschichte ein. 

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