„Heimat hat nichts mit Nationalität zu tun“

„Ich wusste nicht, dass mein Vater Deutscher war“, sagt Elvira Plesskaja-Sebold, nachdem wir uns auf eine Bank neben der Odesaer Oper gesetzt haben. Sie packt eine Mappe aus vergilbtem Karton und mit abgegriffenen Ecken heraus. Das schwarzweiße Portrait eines jungen Mannes fällt uns entgegen. „Das ist er“, sagt sie. Erst als sie sich Ende der 1950er um einen Studienplatz an einer Hochschule in Moskau bewerben wollte, erfuhr sie von seiner Herkunft. „Dein Vater war Deutscher, du bekommst nur Schwierigkeiten“, warnte ihre Mutter sie. Nur wenige Deutsche durften nämlich in der Sowjetunion studieren und schon gar nicht in Moskau oder dem damaligen Leningrad. Studiert hat die schon damals zielstrebige Frau später trotzdem – nicht in Moskau zwar, aber in einer russischen Kleinstadt.

„Obwohl ich als Deutschstämmige in der Sowjetunion diskriminiert wurde, sei es bei der Wahl der Hochschule oder später beim Finden einer Arbeit oder Wohnung, habe ich meine Herkunft nie verschleiert“, erklärt Elvira Plesskaja-Sebold, die den Namen ihres Vaters mit Stolz an den ihres Mannes stellt. Dabei war es selbst für Männer in der Sowjetunion nicht unüblich, bei der Heirat den deutschen gegen einen russischen oder ukrainischen Nachnamen einzutauschen.

Wie viele Stolpersteine ihr die deutsche Herkunft tatsächlich in den Weg legte, erfuhr Elvira Plesskaja-Sebold Anfang der 1990er, als sie ihre KGB-Akte las: „Man hatte gezielt Arbeitskollegen und Nachbarn angesprochen und sie gebeten, gegen mich und meinen Mann auszusagen.“ Sie taten es nicht. Ihr Leben blieb trotzdem voller unsichtbarer und sichtbarer Grenzen: Als die Partei ihrem Mann, Wissenschaftler an einer philosophischen Fakultät, und ihr beispielsweise in den 1980er verbot, aus beruflichen Gründen ins westliche Ausland zu reisen.

Behutsam blättert Elvira Plesskaja-Sebold in der Mappe auf ihrem Schoß, zeigt mir die Geburtsurkunde ihres Vaters, die in russischer und tatarischer Sprache verfasst ist. „Meine Mutter hatte auch später nicht über ihn gesprochen“, sagt sie. „Alles, was ich wusste, war sein Name, Hermann Sebold, und dass er von der Krim kam.“ Nach dem frühen Tod ihrer Mutter fand sie in deren Unterlagen einen Brief, handgeschrieben und an die Kommunistische Partei der Sowjetunion gerichtet. In ihm beschrieb ihre Mutter, wie gesetzestreu und rechtschaffen ihr Ehemann war. Warum sie ihn nie abgeschickt hatte, weiß Elvira Plesskaja-Sebold nicht. Vielleicht, weil ihre Mutter ahnte, dass der Brief das plötzliche Verschwinden ihres Mannes 1941 nicht erklären und ihre Tochter nur in Schwierigkeiten bringen würde.

Odessa, Juni 2021 Elvira Plesskaja-Sebold mit Fotos ihres Vaters in den Händen
Elvira Plesskaja-Sebold zeigt Bilder von ihrem Vater, der im September 1941 plötzlich verschwand.

Plesskaja-Sebold wusste auch, dass die Geschwister ihres Vaters im August 1941 nach Kasachstan deportiert worden waren. „Nach Stalins Tod und dem Ende der Kommandantur im Jahr 1956 hatten sie Kontakt zu meiner Mutter aufgenommen. Sie kamen uns besuchen, schenkten mir ein gelbes Hemd, obwohl sie selbst kaum etwas besaßen“, erinnert sie sich. Warum wurde aber ihr Vater nicht deportiert? Warum kehrte er eines Tages nicht von der Arbeit zu seiner Frau und der zwei Monate alten Elvira zurück?

Als die unabhängige Ukraine ihre Archive öffnete, sah sie ihre Chance, darauf Antworten zu finden. „Es waren goldene Jahre“, erinnert sich Elvira Plesskaja-Sebold, die seit 1966 in Odesa lebt. „Ich wollte zunächst alles über die Deutschen im Schwarzmeerraum erfahren. Es gab damals einen wunderbaren Archivdirektor, der mich hat arbeiten lassen, so viel ich wollte. Meine Hände schliefen beim Abschreiben der Informationen regelmäßig ein“, sagt die Historikerin. „Aber ich wollte unbedingt so viel wie möglich erfahren. Das war alles, was ich für meinen Vater tun konnte.“

Sie lernte Deutsch, auch die altdeutsche Schrift, nahm Kontakt zu anderen Wissenschaftler:innen in der Ukraine und Deutschland auf. Jahrelang sichtete sie Unterlagen, sortierte und beschrieb sie: Wie war der Alltag der deutschen Kolonisten im Schwarzmeerraum? Woher kamen sie? Wie war das Bildungswesen beschaffen? Was geschah mit ihnen seit der Machergreifung der kommunistischen Partei?

Im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte hat sie zahlreiche Informationen zu den deutschen Kolonist:innen im Schwarzmeerraum in Form von Vorträgen, Seminaren und Büchern aufbereitet. Ein kürzlich erschienener Dokumentarfilm begleitet sie in ehemals deutsche Kolonien und zeigt das noch immer sichtbare deutsche Erbe Odesas, wo bis zum Zweiten Weltkrieg 10.000 Deutsche lebten.

„Selbst während der Pandemie habe ich über Zoom Vorträge gehalten“, erzählt sie mir, als wir durch die breiten Straßen der Odesaer Altstadt mit ihren meist zweistöckigen Gebäuden und hohen Bäumen spazieren. Immer wieder bleiben wir stehen. Dann beginnen die Augen der fast 80-Jährigen zu leuchten und sie erzählt, welcher Deutsche dieses Haus erbauen ließ oder welche Bedeutung eine andere deutsche Familie für die Stadt hatte. Ihre Zeit werde nicht mehr reichen, um alle deutschen Spuren hier und in der Region festzuhalten. „Ich habe noch unzählige Unterlagen, die nicht bearbeitet sind. Leider habe ich noch niemanden gefunden, der meine Arbeit fortsetzten wird“, sagt sie.

Zumindest die Forschung zur eigenen Familiengeschichte konnte sie abschließen. Sie fuhr mehrere Male auf die Krim, suchte die deutsche Kolonie, aus der ihr Vater stammte. Er war Nachfahre einer Familie von Weinbauern, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus Baden-Württemberg ausgewandert waren. Letzte Gewissheit zu seinem Verschwinden fand sie 2015. In diesem Jahr öffnete die Ukraine ihren Archivbestand in Zusammenhang mit dem totalitären Regime in der Sowjetunion zwischen 1917 und 1991. „Fünfter September 1941. Das Datum stand in seiner Akte“, sagt Plesskaja-Sebold. „Nach diesem Tag ist mein Vater nicht mehr zur Arbeit erschienen. Er war damals als Chemie-Ingenieur tätig. Zusammen mit etwa fünf anderen Deutschen, die in derselben Fabrik arbeiteten, wurde er ohne Verfahren erschossen.“

Odessa, Juni 2021 Elvira Plesskaja-Sebold mit Dokumenten über das Schicksal ihres Vaters
Die Geschichte der Deutschen in der Ukraine werde in der Ukraine leider nicht im Unterricht behandelt, sagt die Historikerin Dr. Elvira Plesskaja-Sebold. Dabei sei sie ein wichtiger Teil der gesamtukrainischen Geschichte.

Noch einmal holt sie die Mappe hervor. Langsam streicht sie über ein abgegriffenes Papierstück, den Lebenslauf ihres Vaters. Er er hatte ihn handschriftlich verfasst, um zum Chemiestudium zugelassen zu werden. Es sind Fragmente einer Zeit, die für alle Deutschen in der Ukraine Verlust bedeuten – Verlust des Heimatortes, der deutschen Sprache, Kultur und Identität. Für Elvira Plesskaja-Sebold sind diese Bruchstücke die einzige Verbindung zu einem Vater, der sie nie hat laufen sehen oder sprechen hören. Der nie erfahren hat, dass sie Jahrzehnte ihres Lebens seinem und dem Erbe von rund 300.000 Deutschen der Schwarzmeerregion gewidmet hat.

„Heimat hat nichts mit Nationalität zu tun“, sagt Elvira Plesskaja-Sebold, als wir unsere für heute letzten gemeinsamen Schritte durch Odesa laufen. Heimat sei viel mehr die Verbundenheit zu Orten und Menschen, die man liebt. Für ihren deutschen Vater war es die Ukraine.

Einst lebten rund 400.000 Deutsche auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg war die Region entlang der Schwarzmeerküste, nach der Wolgaregion, das zweitwichtigste Siedlungsgebiet der nationalen Minderheit der Deutschen im russischen Zarenreich beziehungsweise der späteren Sowjetunion. Im August 1941, nach dem Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion, wurde die Mehrzahl der Deutschen nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Heute leben etwa 33.000 Angehörige der deutschen Minderheit in der Ukraine. Viele von ihnen sind nach dem Zerfall der Sowjetunion aus der Russischen Föderation und den zentralasiatischen Ländern nach Deutschland als (Spät-)Aussiedler:innen eingewandert. Mehr Informationen zu Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion finden sich hier.

Unter Stalins Repressionen fielen nicht allein Deutschstämmige der Sowjetunion, alle Sowjetbürger:innen waren betroffen. Die Zahl aller Opfer wird auf ca. acht Millionen zwischen 1928 und 1941 geschätzt. Allein in den Jahren des sogenannten großen Terrors 1937/38 wurden über 1,7 Millionen Menschen verhaftet und ca. 700 000 von ihnen erschossen.

7 Gedanken zu „„Heimat hat nichts mit Nationalität zu tun““

  1. Elvira Plesskaja-Sebold hat Fragmente der Erinnerung an ihren Vater und hat ohne zu überlegen geantwortet, was sie gefühlt und letztlich auch gefunden durch ihre akribisch Art und jahrelange Arbeit.
    „Heimat ist die Verbundenheit zu Menschen und zu Orten.“
    Die Verbundenheit zu guten Erinnerungen. Die Verbundenheit zu dem, was uns geprägt, was uns als Individuum ausmacht.

    Dein erster Beitrag und schon mitten ins Zentrum.
    Es werden Menschen lesen diese Worte und Tränen werden ihre Zustimmung ausdrücken.

    Liebe Grüße Michael

  2. Vielen Herzlichen Dank , das war eine tiefgreifende, rührende Geschichte. Ich habe zwei mal gelesen. Wollte jeder Satz aufnehmen um weiter leiten zu können.
    Es soll niemals vergessen werden. Und vielleicht eines Tages erleben wir noch dass unsere Geschichte wird in Geschichtsunterricht erscheinen.
    Würde mich freuen noch was zum lesen oder hören in Form von Zoom Seminar, über die Forschung von die Frau Plesskaja-Sebold.

  3. Wer sich für das Schicksal der Krimdeutschen interessiert sollte die 2 bändigen Familiensage vo Ella Zeiss – Wie die Gräser im Wind und Von der Hoffnung getragen-.unbedingt lesen.
    Meine Eltern kommen aus Eigenfeld,Gebiet Odessa. Ihnen wurde ,trotz der unendlich leidvollen Zeit, das Schicksal,wie es die Krimdeutschen erleben musste,Gott sei Dank erspart.

  4. Liebe Ira,
    vielen Dank für diesen überaus lesenswerten Artikel. Es ist immer wieder interessant mehr über die historischen Prozesse und Hintergründe zu erfahren, die andere Menschen als Familiengeschichten mit sich tragen. Und wie viel Elan, Mühe und vor allem Mut darin steckt, sich selbst auf die Suche nach der eigenen Geschichte zu begeben – vor allem, weil da meist schmerzliche Ereignisse im Verborgenen liegen. Vielen Dank, dass du und deine Interviewpartner*innen diese intimen Einblicke mit uns teilt. Ich freue mich mehr von dir und deinen Erlebnissen zu lesen.
    Viele liebe Grüße aus Berlin,
    Isabell

  5. Liebe Ira Peter,
    mit Freude habe ich Ihre Beiträge gelesen, auf die ich durch den Artikel Spurensuche in der Zeitung Volk auf dem Weg der LmDR im Heft 8-9/2021 aufmerksam wurde.
    Bereisen Sie auch die Gegend zwischen Odessa und Nikolaijew?
    Meine Mutter ist in Worms bei Odessa im Beresaner Gebiet geboren.
    Ich würde so gern einmal etwas von dort erfahren. Wie es dort heute aussieht und welche Geschichten es von dort zu erfahren gäbe.
    Meine Mutter hat ihre Heimat nie wieder gesehen.

    1. Liebe Karin, danke für die schöne Nachricht! Sollte ich hinkommen, werde ich in jedem Fall berichten. Sie sollten unbedingt hinfahren! Es ist sehr einfach in der Ukraine zu reisen, die Menschen sind wahnsinnig hilfsbereit und es gibt überall Menschen, die sich gut mit deutscher Geschichte der Region auskennen und immer bereit sind zu helfen. Warten Sie nicht, eine Reise eröffnet neue Welten und ist immer wert 🙂

      1. Liebe Ira Peter,
        vielen Dank für Ihre freundliche Antwort.
        Ich hoffe, es wird mir gelingen dort hinzufahren. Ich kann aus gesundheitlichen Gründen leider nicht fliegen. Gibt es eine Anlaufstelle in Odessa, an die man sich wenden kann, wenn man in das genannte Gebiet reisen möchte?
        Viele Grüße
        Karin Albers

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